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Ein Brief an mein jüngeres Ich

Ein Brief an mein jüngeres Ich

asmi ayurveda

āsME · Achtsamkeit · Ein Brief

30. August 2026

Liebes jüngeres Ich,

ich schreibe dir heute, viele Jahre später, mit einem Wissen, das du damals noch nicht haben konntest. Du stehst gerade erst am Anfang — voller Träume, voller Wünsche, und ja, auch voller Angst vor allem, was noch kommen wird. Ich will dir nicht sagen, dass du dir keine Sorgen machen musst. Ich will dir erzählen, was wirklich passiert.

Es wird nicht so laufen, wie du es dir vorgestellt hast. Es wird Jahre geben, in denen du das Gefühl hast, alles richtig zu machen — und trotzdem bricht etwas zusammen. Es wird Entscheidungen geben, die sich im Moment wie Niederlagen anfühlen und sich erst viel später als die Wendepunkte zeigen, auf die alles andere aufbaut. Du wirst Menschen verlieren, die du für unverzichtbar hieltest. Du wirst Türen finden, wo du nur Wände erwartet hattest.

Es wird auch leichte Zeiten geben — mehr, als du glaubst, wenn du mitten im Sturm steckst. Aber die Wahrheit ist: Die Höhen und die Tiefen gehören zusammen. Du kannst nicht das eine haben, ohne das andere zuzulassen. Niemand, der dir später von seiner Reife erzählt, ist der Wahrheit ausgewichen.

Was ich dir wünsche, ist nicht ein Leben ohne Stürme. Es ist die Gewissheit, die ich erst jetzt habe: Du wirst sie überstehen. Nicht unversehrt, aber du überstehst sie.

Ein Baum im Sturm bricht nicht, weil er stark genug ist, dem Wind zu widerstehen. Er übersteht ihn, weil seine Wurzeln tief genug sitzen, um mit ihm zu schwanken, ohne den Halt zu verlieren. Das habe ich zu spät verstanden. Ich dachte lange, Stärke bedeute, sich nicht bewegen zu lassen. Heute weiß ich: Stärke bedeutet, verwurzelt genug zu sein, um sich bewegen zu lassen und trotzdem stehen zu bleiben.

Diese Wurzeln sind nicht die großen Pläne oder die perfekten Antworten, die du dir wünschst. Sie sind die kleinen, stillen Dinge — der Moment, in dem du morgens bewusst atmest, bevor der Tag dich mitreißt. Das Gespräch mit einem Menschen, der dich sieht, wie du wirklich bist. Der Geschmack von etwas Vertrautem an einem fremden Tag. Du wirst lernen, dass Glück selten in den großen Momenten liegt, auf die du wartest — sondern in den kleinen, die du fast übersiehst, während du auf die großen wartest.

Die Bhagavad Gita spricht davon, in der eigenen Mitte zu ruhen, gleich ob Erfolg oder Rückschlag kommt — Samatvam, Gleichmut. Nicht Gleichgültigkeit, sondern eine innere Verwurzelung, die nicht davon abhängt, was gerade um dich herum geschieht.

„Gleichmut in Erfolg und Misserfolg — das nennt man Yoga.“ Samatvam, Bhagavad Gita

Du wirst nicht immer die Antworten von Anfang an haben. Das ist in Ordnung. Niemand hat sie. Die Menschen, die du bewunderst, weil sie so sicher wirken — sie haben nur gelernt, mit dem Nicht-Wissen zu gehen, ohne daran zu zerbrechen. Das ist der Unterschied, den ich dir wünsche zu lernen, ohne dafür so viele Jahre zu brauchen wie ich.

Liebes junges Ich — du wirst reifen, nicht weil das Leben leichter wird, sondern weil du lernst, es anders zu sehen. Und vor allem: Du darfst Fehler machen. Du musst nicht von Anfang an die Antworten haben. Niemand hat das. Sei sanft mit dir, besonders an den Tagen, an denen es stürmt — genau dann brauchst du deine eigene Güte am meisten.

P.S. Fünf kleine Dinge, die mir an stürmischen Tagen geholfen haben — du brauchst nicht alle, manchmal reicht eines, genau am richtigen Tag:

  • Die Hand aufs Herz. Wenn dich ein Fehler beschämt, leg eine Hand auf dein Herz: „Ich habe getan, was ich mit dem Wissen von damals konnte.“
  • Drei kleine Dinge am Abend. Erinnere dich vor dem Einschlafen an drei winzige gute Momente des Tages — eine warme Tasse, ein Lachen, ein Sonnenstrahl.
  • Der Baum-Atem. Füße fest auf dem Boden, stell dir Wurzeln vor, die tief in die Erde reichen. Viermal langsam ein- und ausatmen.
  • Der Brief an dich selbst. Schreib dir einmal im Jahr einen Brief wie diesen. Lies ihn erst in einem Jahr wieder.
  • Die Frage, die alles verändert. Wenn du hart mit dir bist, frag dich: „Würde ich das auch zu einer Freundin sagen?“ Meistens: nein.

In Liebe,

dein älteres Ich

āsME · Von āsmi Ayurveda

Alte Weisheit. Moderner Alltag. Eine Serie über Rituale, Ruhe und die Kunst, die eigene Mitte zu finden.

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© asmi ayurveda · Murali Nair

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