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Wenn die Hitze steigt — atme anders

Wenn die Hitze steigt — atme anders

Über das Atmen, das wir verlernt haben — und was Pranayama damit zu tun hat

Du hast heute bereits etwa 20.000 Mal geatmet. Die meisten davon, ohne es zu bemerken. Das ist einerseits ein Wunder der Biologie — andererseits, wenn man genauer hinschaut, ein stilles Problem.

Denn obwohl Atmen die grundlegendste aller körperlichen Funktionen ist, tun die meisten Menschen es falsch. Nicht dramatisch falsch — keine akute Gefahr. Aber chronisch falsch genug, um das Nervensystem dauerhaft in einem leicht erhöhten Alarmzustand zu halten, ohne dass man je herausfindet warum man sich erschöpft, unruhig oder schlecht erholt fühlt, obwohl man „eigentlich nichts Besonderes" tut.


Die Physiologie

Warum richtiges Atmen alles verändert

Der Atem ist die einzige autonome Körperfunktion, die wir bewusst steuern können. Herzschlag, Verdauung, Hormonausschüttung — alles läuft ohne unser Zutun. Der Atem ist die Ausnahme: Er läuft automatisch, aber wir können ihn jederzeit übernehmen. Das macht ihn zum direktesten Zugang, den wir zum autonomen Nervensystem haben.

Flache Brustatmung — die bei den meisten Erwachsenen zur Gewohnheit geworden ist, besonders am Bildschirm, in Meetings, beim Scrollen — aktiviert chronisch den Sympathikus. Der Körper interpretiert schnelles, flaches Atmen als Signal für Gefahr, auch wenn keine vorliegt. Der Cortisolspiegel bleibt leicht erhöht. Die Verdauung läuft im Sparmodell. Der Schlaf ist weniger tief als er sein könnte.

Langsame, tiefe Bauchatmung dagegen aktiviert den Vagusnerv — den Hauptnerv des parasympathischen Systems. Herzfrequenz sinkt, Blutdruck sinkt, Verdauung springt an, das Gehirn schaltet von reaktiv auf reflektiv. Das ist keine Meditation, keine Philosophie — das ist Physiologie.

„Der Atem ist die Brücke zwischen dem Geist, den du steuern kannst, und dem Körper, der es von alleine tut."

Was die moderne Atemforschung — von der Arbeit eines Andrew Huberman bis zu den Studien des Physiologieforschers Konstantin Buteyko — in den letzten Jahrzehnten herausgefunden hat, wusste die ayurvedische Tradition bereits vor 3.000 Jahren: Der Atem ist nicht Begleiterscheinung des Lebens. Er ist sein Taktgeber.


Die ayurvedische Perspektive

Pranayama — kein Trend, sondern eine Wissenschaft

Pranayama ist derzeit in aller Munde. Breathwork-Retreats, Box-Breathing-Apps, Wim-Hof-Protokolle — der Atem ist im Wellness-Mainstream angekommen. Das ist grundsätzlich gut. Aber es lohnt sich, einen Schritt zurückzugehen und zu verstehen, woher das Konzept eigentlich stammt.

Das Sanskrit-Wort Pranayama setzt sich zusammen aus Prana — Lebensenergie, Lebensatem, das was im Körper fließt und was mit dem Tod aufhört zu fließen — und Ayama, was weder „Kontrolle" noch „Übung" bedeutet, sondern Erweiterung. Pranayama ist nicht die Kontrolle des Atems. Es ist die Erweiterung der Lebensenergie durch den Atem.

Im Hatha Yoga Pradipika, einem der klassischen Texte des Yoga aus dem 15. Jahrhundert, heißt es: Solange der Atem unruhig ist, ist der Geist unruhig. Wenn der Atem zur Ruhe kommt, kommt der Geist zur Ruhe. Das ist keine Metapher — es ist eine physiologische Beobachtung, aufgeschrieben 500 Jahre bevor die Neurowissenschaft die Verbindung zwischen Atemfrequenz und präfrontalem Kortex kartografierte.

„Chale vate chalam chittam, nishchale nishchalam bhavet." — Hatha Yoga Pradipika, 2.2

„Solange der Atem bewegt ist, ist der Geist bewegt. Wenn der Atem still wird, wird auch der Geist still."

Der Unterschied zwischen Pranayama und modernem Breathwork ist nicht, dass eines wissenschaftlich und das andere spirituell ist. Der Unterschied ist die Tiefe der Systematik. Pranayama unterscheidet zwischen Atemtechniken nach ihrer Wirkung auf die drei Doshas — Vata, Pitta, Kapha — und nach der Tageszeit, der Jahreszeit, der Konstitution des Praktizierenden. Es ist ein differenziertes System, kein einheitliches Protokoll für alle.

Für den Sommer — für Grishma Ritu, die Zeit des erhöhten Pitta — bedeutet das: Atemtechniken, die kühlen, beruhigen und den feurigen Überschuss dieser Jahreszeit ausgleichen. Nicht alle Pranayama-Techniken sind für den Sommer geeignet. Kapalabhati zum Beispiel — die schnelle, aktive Ausatmung — ist eine Erwärmungstechnik und sollte im Hochsommer gemieden werden. Wer das nicht weiß und einfach „irgendein Breathwork" macht, kann das Gegenteil des Gewünschten erreichen.


Drei Übungen für den Sommer

Atmen, um sich abzukühlen

Die folgenden drei Techniken stammen aus der klassischen Pranayama-Überlieferung und sind explizit als Pitta-senkend und kühlend beschrieben. Sie lassen sich überall praktizieren — morgens vor dem ersten Kaffee, mittags wenn die Hitze ihren Höhepunkt erreicht, abends als Übergang in die Nacht.

Sheetali Pranayama

„Die kühlende Atmung" — śītalī

Sheetali bedeutet auf Sanskrit „kühl" oder „kalt". Diese Technik ist die direkteste Kühltechnik des klassischen Pranayama und wirkt innerhalb weniger Atemzüge spürbar auf die Körpertemperatur.

  1. Aufrecht sitzen, Schultern locker, Augen geschlossen
  2. Die Zunge leicht aus dem Mund strecken und zu einer Röhre formen (wie ein Trinkhalm)
  3. Durch die Zungenröhre langsam und tief einatmen — die Kühle der Luft ist direkt spürbar
  4. Mund schließen, kurz innehalten (2–3 Sekunden)
  5. Durch die Nase langsam ausatmen
  6. 8–12 Runden, morgens oder mittags

Ayurvedische Indikation: Pitta-senkend, kühlend, beruhigend bei Hitze, Reizbarkeit und brennenden Empfindungen. Im Hatha Yoga Pradipika als wirksam gegen Hunger, Durst und Hitze beschrieben (2.57–58). Nicht empfohlen bei starkem Kapha oder chronischem Asthma.

Sheetkari Pranayama

„Die zischende Atmung" — śītkārī

Sheetkari ist die Alternative zu Sheetali für alle, die ihre Zunge nicht zu einer Röhre formen können — was bei vielen Menschen anatomisch nicht möglich ist. Die Wirkung ist nahezu identisch.

  1. Aufrecht sitzen, Zähne leicht zusammenbeißen, Lippen öffnen
  2. Die Zunge leicht hinter die Zähne legen
  3. Durch die Zahnreihe einatmen — ein leises Zischen entsteht, die Luft fühlt sich kühl an
  4. Mund schließen, kurz halten (2–3 Sekunden)
  5. Durch die Nase langsam ausatmen
  6. 8–12 Runden

Dieselbe Wirkung wie Sheetali — Pitta-senkend, kühlend, beruhigend. Besonders geeignet für den Nachmittag, wenn die Hitze des Tages ihren Höhepunkt hat und Konzentration nachlässt. Auch in Kombination mit Sheetali möglich: je 4–6 Runden abwechselnd.

Chandra Bhedana Pranayama

„Mondatmung" — candra bhedana

Chandra bedeutet Mond — das kühlende, beruhigende Prinzip. In der ayurvedischen und yogischen Überlieferung ist die linke Nasenseite der Mond-Kanal (Ida Nadi), die rechte die Sonne (Pingala Nadi). Chandra Bhedana aktiviert ausschließlich den linken Kanal und damit das kühlende, parasympathische Prinzip im Körper.

  1. Aufrecht sitzen. Die rechte Hand in Vishnu Mudra: Zeige- und Mittelfinger zur Handfläche einrollen, Daumen, Ringfinger und kleiner Finger ausgestreckt
  2. Mit dem Daumen die rechte Nasenöffnung schließen
  3. Durch die linke Nasenöffnung langsam und vollständig einatmen (4–6 Sekunden)
  4. Mit dem Ringfinger die linke Nasenöffnung schließen, kurz halten (2–4 Sekunden)
  5. Daumen lösen, durch die rechte Nasenöffnung langsam ausatmen (6–8 Sekunden)
  6. Das ist ein Zyklus — 8–10 Runden, bevorzugt abends

Die stärkste der drei Sommertechniken — wirkt tiefenwirksam auf das Nervensystem, beruhigt Pitta, fördert Schlaf und reduziert innere Hitze. Ideal als Abendritual, 10–15 Minuten vor dem Schlafengehen. Das Gegenteil — Surya Bhedana, Einatmen durch rechts — ist eine Erwärmungstechnik und sollte im Sommer vermieden werden.


Das Wichtigste

Nicht mehr Atemübungen. Besseres Atmen.

Das Ziel von Pranayama ist nicht, täglich eine Stunde auf dem Meditationskissen zu verbringen. Das Ziel ist, den Atem als das zu erkennen, was er ist: das unmittelbarste Regulierungsinstrument, das wir besitzen — immer dabei, kostenlos, ohne Warteschleife.

Fünf Minuten Sheetali am Morgen. Drei Minuten Chandra Bhedana vor dem Einschlafen. Das reicht, um zu spüren, was gemeint ist. Den Rest erledigt der Körper von selbst — er weiß genau was zu tun ist, sobald man aufhört, ihm im Weg zu stehen.

Ayurveda nennt den Atem Prana — das erste und letzte, was wir von diesem Leben haben. Vielleicht ist es nicht das Schlechteste, ihm etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken als die 20.000 unbemerkten Atemzüge pro Tag.

Tees für den Sommer

Herba Verda und Ashwa Noir — kalt aufgegossen, kühlend, ayurvedisch. Als Ergänzung zu deiner Atempraxis: das Ritual für innen und außen.

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